„Unsere Whiskys spielen in der Champions League“

St. Kilian Gründer Andreas Thümmler mit einigen Whisky-Fässern im Hintergrund
Vom Whisky-Freak zum Destilleriebetreiber: Andreas Thümmler mit einigen seiner inzwischen gut 12.000 Fässer Frank Röth

In Rüdenau am Untermain hat Andreas Thümmler vor einem Jahrzehnt die Whisky-Brennerei St. Kilian gegründet. Im Interview spricht er über Geld und Geduld, seine besonders erfolgreiche Bud-Spencer-Linie und das Potential für Destillerien in Deutschland.

Von Peter Badenhop, Frankfurter Allgemeine Zeitung

Rüdenau, im Dezember 2024

Herr Thümmler, bevor Sie 2012 die St.-Kilian-Brennerei gegründet haben, sind Sie Investmentbanker in London und Frankfurt gewesen. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ins Whisky-Business einzusteigen?
Whisky war schon lange meine große Leidenschaft, und in meiner Zeit in London bin ich immer wieder nach Schottland gereist, habe mir Destillerien angeschaut und damit begonnen, Whisky zu sammeln. Am Ende sind so gut 150 Brennereibesuche zusammengekommen.

Sie sind also Whisky-Freak?
Ja, das kann man so sagen. Ich hatte mal vor, alle Whisky-Destillerien in der Welt zu besuchen – aber das ist natürlich nicht möglich angesichts der Fülle an Brennereien, die es inzwischen gibt. Aber ich bin schon ziemlich rumgekommen und war fast überall, wo Whisky gebrannt wird. Bis auf Tasmanien, aber da komme ich auch noch hin.

Und wie sind Sie dann selbst Destilleriebetreiber geworden?
Am Anfang war es als Investment gedacht. Ich habe etwas gesucht, das krisen- und inOationssicher ist – und natürlich auch Spaß macht. Die erste Idee war, mir Whisky-Fässer zu kaufen. Das ermöglichen inzwischen viele Destillerien, wir bei St. Kilian auch. Aber ich wollte nicht nur ein oder zwei Fässer, sondern ein paar Tausend oder ein paar Zehntausend – aber das macht keiner. Und da hat mein Freund David Hynes, einer der bekanntesten Whisky-Experten und Master Distiller in Irland, gesagt: Wenn du so viele
Fässer haben willst, dann musst du dir selbst eine Brennerei bauen. Tja, und weil ich ja keine Ahnung hatte, wie so etwas funktioniert, habe ich ihn überredet, das mit mir zusammen zu machen.

Das war 2012?
Ja, damals haben wir angefangen.

Und warum ausgerechnet in Rüdenau?
Ich stamme aus Rüdenau. Und der Aufhänger war die alte Textilfabrik hier im Ort. Die stand schon ein paar Jahre leer und war bestens für unsere Pläne geeignet. Und schauen Sie sich mal um: Hier zwischen Spessart und Odenwald ist es doch wie in Schottland: ländlich, abgeschieden, ursprünglich. Unsere Fans lieben das.

Wie haben Sie das Projekt finanziert?
Ich habe als Investmentbanker viel Geld verdient und einiges davon hier wieder investiert.

Wie viel muss es denn sein, um so eine Brennerei wie St. Kilian aus dem Stand neu aufzubauen?
Etwa 15 Millionen Euro als Grundinvestition – und viel Geduld. Bis unsere Destille mit modernster Technik fertig war, hat es vier Jahre gedauert, 2016 haben wir die Produktion aufgenommen. Und erst 2019 haben wir den ersten Whisky abgefüllt. Na ja, und dann kam Corona.

Welche Folgen hatte das für Sie?
Nun, wir hatten in den Monaten davor einen enormen Besucheransturm – und dann war auf einmal Feierabend. Da mussten wir uns etwas einfallen lassen, und das waren unsere Online-Tastings. Das war ein großer Erfolg, und wir machen das noch immer regelmäßig. Mit jeweils gut 1000 Teilnehmern sind es die größten Whisky-Online-Tastings weltweit.

Damit haben Sie die Pandemie überlebt?
Unsere zweite Idee hat eine noch größere Rolle gespielt: Wir sind mit unseren Whiskys in die Supermärkte gegangen, die waren ja oben. Dafür brauchten wir aber eine Marke, die sich auch im Einzelhandel verkauft und die man niemandem groß erklären muss. So sind wir auf unsere Bud-Spencer- und Terence-Hill-Editionen gekommen. Das sind unterschiedliche Blends von Single Malts mit Irish Whiskey – und die haben großartig funktioniert.

Welche Art von Whisky wollten Sie ursprünglich machen, als Sie St. Kilian gegründet haben? Welchen Stil sollten Ihre Whiskys haben?
Mein Vorbild war natürlich Schottland. Ich wollte ausschließlich torfige und ultratorfige Whiskys, wie die von Ardbeg und Lagavulin. Und mindestens 16 Jahre gereift. Und davon 50.000 Fässer. Das war so mein erster Plan. Aber der ist im Grunde geplatzt. Wir sind heute aktuell bei 12.000 Fässern, und wir
machen ja auch nicht nur torfige Whiskys.

Wie würden Sie denn Ihre beiden Standard-Whiskys beschreiben, die Sie immer im Sortiment haben: den St. Kilian Classic und den St. Kilian Peated?
Die sind absolut wettbewerbsfähig mit den Topmarken in Schottland. Unsere Whiskys spielen in der Champions League. Beides sind sehr komplex, mit 46 Prozent Alkohol ein bisschen stärker als der Mainstream. Der Classic ist mild und fruchtig wie die Whiskys von der Speyside, der Peated ist dagegen eine echte Torfgranate.

Gibt es bei St. Kilian einen Hauscharakter wie bei so vielen schottischen Brennereien?
Ja, das merkt man schon bei unserem New Make, also dem frisch gebrannten, noch nicht gelagerten Whisky: Der hat schon diese typischen, tropisch-fruchtigen Noten, also Bananenaromen, aber auch Birne und Apfel.

Hat der Whisky-Boom der vergangenen 40 Jahre seinen Höhepunkt erreicht?
Aus Sicht der schottischen Whisky-Industrie auf jeden Fall. In den vergangenen zehn Jahren sind dort enorme Kapazitäten aufgebaut worden, zum Beispiel auch um die asiatische Nachfrage zu bedienen. Manche der traditionellen Märkte sind vielleicht langsam gesättigt, aber dafür gibt es neue. Hinzu kommt, dass die Schotten nicht mehr die einzigen sind, die richtig guten Whisky brennen und reifen können. Durch die sogenannten New-World-Whiskys kommen die Schotten unter Druck. Zu diesen neuen
Brennereien gehören wir mit St. Kilian auch – und wenn unser „Bud Spencer The Legend“ im Supermarkt ins Regal kommt, dann steht da künftig vielleicht ein Schotte weniger.

Hatten Sie bei der Gründung von St. Kilian keine Bedenken, in einen so voll besetzten Markt zu gehen?
Ich wollte ja am Anfang gar nicht auf den Markt. Ich wollte eigentlich nur meinen eigenen, 16 Jahre gelagerten Torf-Whisky haben und den irgendwann verkaufen.

Jetzt sind Sie aber auf dem Markt und haben auch Erfolg.
Ja, wir wachsen jedes Jahr. In Deutschland gibt es noch großes Potential. Es gibt nur wenige wirklich ernst zu nehmende deutsche Brennereien. Natürlich gibt es viele Schnapsbrenner, die mal ein paar Fässer Whisky machen. Aber es gibt bisher nur sehr, sehr wenige relevante Whisky-Player in Deutschland.

Ihr wichtigster Markt ist Deutschland?
Ja, mit Abstand. Wir verkaufen auch ein bisschen nach Österreich und in die Schweiz. Aber eigentlich haben wir noch keine Internationalisierung, wir sind noch zu sehr mit unserem Heimatmarkt beschäftigt. Wir wollen das Label „Whisky made in Germany“ erst einmal für die deutschen Fans etablieren.

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